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Erfolge

Überraschend wurde die 30-jährige Claudia Gisler im Juni mit ihrem sprunggewaltigen Pferd Touchable im NPZ in Bern Schweizer Meisterin der Springreiter. KAVALLO hat die ruhige Amazone zu Hause im Urnerland besucht, wo sie am Fuss des Gitschen mit ihren Pferden auf dem Gelände des familieneigenen Industrieunternehmens lebt, trainiert und arbeitet.

Text: Peter Wyrsch

Ruhig plätschert das Wasser in Seedorf ans Südufer des Vierwaldstättersees. Einen Steinwurf von der Badeanstalt und dem Südportal des Seelisbergtunnels an der Autobahn A2 entfernt, herrscht reger Betrieb. Auf den Anlagen der Emil Gisler AG und der Gipo AG wird geplant, entwickelt und produziert. Bekannt worden sind die Firmen, die sich ganz in den Händen des Gründers Emil Gisler befinden, mit ihren grossen, raupenmobilen Aufbereitungsanlagen, die in Steinbrüchen, auf Deponien, Recyclingplätzen oder direkt bei Abbruchobjekten zur Zerkleinerung des Gesteins und Aufbereitung des Abbruchmaterials eingesetzt werden. Auf dem Industriegelände steht aber auch die Reitsportanlage, auf der Claudia Gisler, die Schweizer Meisterin der Springreiter 2010, mit ihren Pferden wohnt.

Hochspannung im NPZ
Szenenwechsel. 13. Juni 2010, Nationales Pferdezentrum NPZ in Bern, Schweizer Meisterschaftsfinal der Elite: Als letzte Teilnehmerin ritt Claudia Gisler auf Touchable ein. Vor ihr hatte Steve Guerdat, der erprobte Equipenreiter und mehrfache Medaillengewinner an Championaten, auf Ferrari eine fehlerfreie Runde in die Sandbahn gelegt. Claudia Gisler wusste: Will sie auf ihrem zehnjährigen Holländer-Wallach als erste Urnerin Schweizer Meisterin werden, muss sie fehlerlos bleiben. Die Spannung war enorm. Auf der Tribüne sassen ihre Eltern Elisabeth und Emil Gisler. Mutter Elisabeth Gisler schien ganz ruhig, in sich gekehrt und wagte es kaum hinzusehen. Der emotionalere Emil Gisler hingegen rutschte unruhig im Schalensitz hin und her, seufzte, atmete schwer und sprang in Gedanken mit seiner Tochter im Parcours mit. Die 30-jährige Claudia Gisler bestand die Nervenprobe, sie blieb cool und mit Touchable fehlerfrei – das Paar wurde Schweizer Meister 2010! Nach Silber 2001 und Bronze 2002 mit dem inzwischen 20-jährigen Holsteiner Lugano hatte Claudia Gisler ihren Satz an SM-Medaillen damit komplettiert. Die sportliche Belohnung für die gute Leistung in Bern liess nicht lange auf sich warten: Die frischgebackene Meisterin wurde von Equipenchef für den CSIO Calgary, das bestdotierte Springturnier der Welt, aufgeboten.

Nah am Wasser gebaut
Nach einer rührenden Ehrenrunde, bei der Claudia Gisler strahlte, die Faust ballte, ihrem Touchable im Galopp um den muskulösen Hals fiel, kullerten ihr die Freudentränen über die Wangen, während zu ihren Ehren die Nationalhymne gespielt wurde. «Wir Urner haben eben nahe am Wasser gebaut», meinte sie in ihrem urigen Urner Dialekt und fast entschuldigend.
Bereits vier Tage vor ihrem Sieg hatte die Familie Gisler schon einmal Grund zum Jubeln: Claudias zwei Jahre ältere Schwester Sabine Arnold-Gisler brachte am Starttag der nationalen Titelkämpfe eine gesunde Tochter namens Mara zur Welt. Maras zwei Jahre älterer Bruder Silvan ist der Göttibub von Claudia Gisler. Die Schwestern sind sich nah und wohnen beide auf der familieneigenen Anlage. Sabine Arnold lebt mit ihrem Mann Bruno, dem Marketingleiter der Gipo AG, und ihren Kindern oberhalb des Bürotrakts auf dem rund zwei Hektaren grossen Firmenareal mit zehn Werkshallen. Sie war eine erfolgreiche Junioren-Vierkämpferin und passionierte Springreiterin. Unter anderem bestritt sie 1999 mit Little Ben die Europameisterschaften der Jungen Reiter in Münchwilen. Das Pferd Little Ben lebt immer noch und ist inzwischen 22-jährig. Damit ist er fünf Jahre jünger als Big Ben, der erste vierbeinige «Lehrmeister» von Claudia Gisler, der den gleichen Namen wie Ian Millars ehemaliger Weltcupsieger trägt. Big Ben geniesst seinen Lebensabend und geht täglich mit dem 23-jährigen Fifty-Fifty, mit dem Claudia Gisler zweimal die Junioren-EM bestritt, auf die Weide.
Der erklärte Star im Stall ist nun aber Touchable. Beim grossen Meisterfest im Stall, zu dem auch politische Grössen wie der Seedorfer Gemeindepräsident Andreas Bilger und der Urner Regierungsrat Josef Arnold erschienen, erhielt der Wallach aus der Jus-de-Pomme-Linie neben viel Aufmerksamkeit auch Belohnungen zum Fressen, wie ein Gefäss voll mit knackigen Rüebli. «Aus Touchable ist "Schatzibel" geworden», schmunzelt Claudia Gisler. Die sonst so ruhige und zurückhaltende Amazone wird gesprächiger, wenn sie über ihre vierbeinige Zukunftshoffnung spricht: «Touchable ist ein sehr eigenes Pferd, ein Charakterpferd. Er ist intelligent, stinkfrech und ein Schlitzohr. Er verfügt aber über ein enormes Springvermögen – ihm ist kein Hindernis zu hoch. Sportlich traue ich ihm alles zu. Wir mussten uns aber erst finden, ehe er im wahrsten Sinne seines Namens für mich touchable – also anfassbar – wurde. Unsere Harmonie basiert zu 90 Prozent auf dem Vertrauen, das wir uns in den letzten fünf Jahren aufgebaut haben.»

Gerhard Etters Trouvaille
Der Holländer Touchable kam, wie fast alle Gisler-Pferde, 2005 auf Vermittlung von Etter Horses nach Seedorf. Seit zwei Jahren ist Gerhard Etter, der Seniorchef im Handelsstall in Müntschemier und Vater des Team-Europameisters Daniel Etter, auch der Trainer von Claudia Gisler. Seit er Heidi Hauri abgelöst hat, welche Claudia Gisler während rund zehn Jahren trainierte, fährt die Reiterin gelegentlich zu Etters ins Berner Seeland zur Weiterbildung.
Für Touchable gingen in den letzten Monaten – und nicht erst seit dem Schweizer-Meistertitel – einige Kaufangebote ein. «Er ist aber unverkäuflich. Den geben wir nicht her. Er bleibt im Familienbesitz», sagt seine Reiterin energisch und schaut zu ihrem Energiebündel, das im Stall am Buswendeplatz eine Aussenbox belegt. So umfasst sein Blick die Reithalle, den Sandplatz, die Vorfahrt und die Parkplätze. «Er ist sehr neugierig und muss stets wissen, was los ist», sagt Claudia Gisler. Im Stall hinter ihrem eigenen Wohnhaus sind 15 Pferde, darunter vier Springpferde, zwei Schulpferde und einige Pensionäre, untergebracht. Hier schauen neben Lugano auch der 11-jährige Hengst Stetter und die 14-jährige Stute Classic V neugierig aus ihren Boxen. «Classic ist neben Touchable mein Lieblingspferd unter den aktuellen Turnierpferden. Ich habe das Vertrauen dieses mit viel Blut ausgestatteten Pferdes gefunden. Die Stute begleitet Touch und mich oft an internationale Turniere. Aber eigentlich ist es falsch, von Lieblings- oder bevorzugten Pferden zu reden. Ich habe alle meine Pferde gerne. Das ist doch Voraussetzung, um gemeinsame Fortschritte und Ziele zu erreichen.»

In der Familie aufgehoben
Den Pferdevirus erhielten die Gisler-Töchter von ihrem Vater Emil vererbt. Claudia Gisler erinnert sich: «Dädi ist vor allem in den Ferien im Tessin geritten. Wir haben ein Ferienhaus in Morcote. Da schwang er sich oftmals in den Sattel und erwarb die nationale Lizenz. Er holte mit Emil Mock sogar seinen Reitlehrer in unseren Stall nach Seedorf. Da musste der Funke ja zu uns Meitli überspringen.» Die Familie bedeutet Claudia Gisler viel, ebenso die vertraute Umgebung, in der sie aufgewachsen ist. «Ich bin hier in Seedorf und in unserem Familienbetrieb zu Hause. Hier fühle ich mich geborgen und verstanden.»
Wenn sie nicht auf Turnieren unterwegs ist, arbeitet Claudia Gisler, die eine kaufmännische Lehre gemacht hat, halbtags im Büro des familieneigenen Industriebetriebs mit und kümmert sich um die Lohnbuchhaltung. Die Firmen Emil Gisler AG und Gipo AG hat ihr mittlerweile 66-jähriger Vater aus dem Nichts aufgebaut. Der gelernte Mechaniker schuf mit seiner Tatkraft und seinem Erfindergeist aus einer einfachen mechanischen Werkstatt zwei weltweit renommierte Unternehmen. Emil Gisler entwarf Steinbrecheranlagen, setzte im Bereich des mobilen Brechens und im Maschinenbau und in der Hydraulik neue Massstäbe. 1979 baute Gisler seine erste Werkhalle. Inzwischen sind es deren zehn. Heute beschäftigt er 130 Mitarbeiter und ist der beste Steuerzahler in der steuergünstigsten Gemeinde im Kanton Uri.

Bescheiden und bodenständig
Die nur 160 Zentimeter grosse Claudia Gisler lebt trotzdem bescheiden, wertebewusst und bodenständig. Während viele ihrer Reiterkolleginnen bis auf die Fingernägel durchgestylt sind, mag es die 30-Jährige lieber leger und in Jeans. Shoppen ist ihr ein Graus, sie mag es zwar gerne gepflegt, aber nicht gekünstelt. Innere Qualitäten sind ihr wichtiger als ein äusseres Erscheinungsbild. Auch im ersten Stock des einstigen Familiensitzes hat sie sich gemütlich, aber ohne Schnickschnack eingerichtet. Nur die Meisterschaftsmedaillen und ein Bild ihrer Schwester schmücken nebst wenigen Pokalen und Auszeichnungen die Wohnstube. In der Polstergruppe macht es sich die Singlefrau in den wenigen freien Minuten gerne behaglich. Treu an ihrer Seite ist stets Joya, das aufgeweckte Jack-Russel-Weibchen: «Sie kommt überall mit mir mit, auch zu den Turnieren.»